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Neues aus Ebermannstadt

Datum: Dienstag, 30. April 2013

Frech und erheiternd - „Solo für 2“: Unterhaltsamer Abend mit Chansons

Die Scheune des Wiesentgartens in Ebermannstadt ist bis auf den letzten Platz besetzt, als das „Solo für 2" mit einem Chansonabend den Kulturkreis Ebermannstadt bereichert. Für Ruth Weisel (derzeit Bayreuth) ist es der erste öffentliche Auftritt in ihrer Heimatstadt. Ihr zur Seite Michael Herrschel (Nürnberg), der vor allem mit Georg Kreisler-Liedern begeistert.

Wenn es darum geht, Tauben im Park zu vergiften oder sich von „Mädchen mit den drei blauen Augen" angezogen zu fühlen. Dann ist Georg Kreisler der richtige Mann. Zwar ist der österreichische Satiriker vor zwei Jahren verstorben, seine Chansons leben aber noch weiter. Aus dem Hinterhalt komponiert er mit schwarzem Humor gegen unmusikalische Musikkritiker und gelangweilte Triangel-Virtuosen.
So wie Michael Herrschel das „Nieder mit der Musik!" heult — zum Niederknien. Und noch gelungener seine Halbstarken-Persiflage „Der Wilde mit seiner Maschin", die man vom Helmut Qualtinger kennt. Der weiß zwar nicht, wohin es geht, ist mit seinem Motorradl aber viel schneller dort.
Mit derlei Liedgut wienert ein spitzzüngiger Michael Herrschel die Gehirnwindungen der Zuhörer. Charmante Gehässigkeiten nonchalant hingesungen und mit minimalen mimischen Mitteln dekoriert, romantischen Schmus mit doppelbödigen Versen parodiert, an diesem Abend bleibt trotz trockenen Humors kein Auge trocken. Die Liebe und andere Verrücktheiten geben eben sehr viel her.

Charmant wienert Michael Herrschel mit Ruth Weisel die Hirnwindungen der Zuhörer. Foto: Udo Güldner

Aus dem „Solo für 2" wäre beinahe wirklich ein Soloprogramm geworden, denn Sängerin Viola Robakowski fiel krankheitsbedingt aus. In die Bresche s(pr)ingt Michael Herrschel. Der 42-Jährige hat die Tonlage, den Ausdruck und die lächelnde Boshaftigkeit Kreislers derart aufgesogen, dass mit verbundenen Augen der Eindruck entsteht, der Meister selbst sei in Ebermannstadt erschienen.
Ruth Weisel (29), die derzeit Musikperformance studiert, gelingt es mit ihrem Partner, die 20er und 30er Jahre, und den in deren Tradition stehenden Georg Kreisler frech und ungemein erheiternd zu interpretieren. Da darf natürlich auch der südkarolinische Hüftschwung des „Charleston made in Carolina" nicht fehlen. Neben den Kreisler-Gemeinheiten für Fortgeschrittene bietet das Duo auch Chansons und Filmschlager. Gerhard Bronners „Ich bin verrückt nach total verrückten Männern" singt Ruth Weisel sinnlich und ganz von Sinnen. Dann beschwert sie sich „Benjamin, ich hab nichts anzuziehn" und muss sich im Gegenzug anhören: „Du bist die Frau, die ich nicht leiden kann".

Die Herzen erweicht
Da wünscht sich Ruth Weisel mit Hugo Wieners Worten „zum Geburtstag einen Vorderzahn", und setzt selbstironisch hinzu: „Ich war niemals eine Kirke, das weiß jeder im Bezirke". Zumindest das ist aus Sicht Ruth Weisels, die als Begleiterin die Tasten streichelt, deutlich untertrieben. Augenzwinkernd und lippenspitzend dürfen selbst Broadway-Musicals wie das um den Milchmann Tevje und seine holde Golde den Tasten entweichen. Und mit dem „Do you love me" auch die Herzen der Zuhörer erweichen. Herrschel, der den englischen Lautmalereien herrlich nachspürt, hat nur in Lortzings „Wildschütz" Probleme. Dort wird eigentlich ein böser Bass gebraucht, der seine Braut verschachert. Doch statt grimmgem Märchen setzt sich eher mozartische Leichtigkeit durch. Nach Waxman(n)s melancholisch- sehnsüchtiger Ballade „Allein in einer großen Stadt" bringt Theo Mackebens „Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da" die Scheune zum Mitsingen. Dabei geht zwar die hintergründige Ironie des Schlagers etwas verloren, nicht aber die Stimmung der über 100 Zuhörer. „Und dann weiß man nicht, was man sagen soll." Nach dem unterhaltsamen Abend mit Ruth Weisel und Michael Herrschel weiß man es: Bravi, da capo!

UDO GÜLDNER (NN)